Noch zwanzig Kilometer bis zum Tod
Leseprobe aus Navi des Grauens
»In einem Kilometer ist ein schwerer Verkehrsunfall«, meldete die unpersönliche
Frauenstimme des eNavi Gerätes von seinem Handgelenk.
»Was nun? Ist jetzt dort ein Stau oder nicht?«, Klaus Stimme klang gereizt.
»Hör doch mal auf zu meckern!« Gabi war genervt von Klaus Reaktion auf die Ansage und
versuchte ihn zu beruhigen: »Ignoriere doch das blöde Navi einfach.«
»Wie soll ich das ignorieren? Seit hundert Kilometern warnt es vor diesem schweren
Verkehrsunfall, der im Verkehrsfunk noch nicht mal gemeldet wird, gibt aber sonst keine
Informationen dazu her. Das Teil hat ein kleines Vermögen gekostet und labert so einen
Mist.«
»Dann schalte es doch endlich aus.«
»Geht nicht. Habe ich vor 'ner viertel Stunde schon versucht. Aber es lässt sich nicht
abschalten. Seit über einer Stunde immer nur diese Warnung vor dem schweren Unfall.
Langsam glaube ich, das Teil ist defekt.«
»Wie meinst du das?«
»Naja, wenn in dieser Baustelle ein schwerer Unfall wäre, dann müsste hier doch ein Stau
sein, oder?«
»Noch fünfhundert Meter bis zu einem schweren Unfall.«
»Halt die Klappe!« Klaus wurde ungehalten. »Am besten werde ich das Teil gleich morgen
zum Service einschicken.«
»Noch 300 Meter.«
»Jetzt nervt es aber wirklich!«
»Noch 200 Meter.«
»Siehst du irgendwas, Gabi?«
»Nein, ich kann nichts erkennen.«
»Noch 100 Meter.«
»Scheißteil!« Klaus warf einen flüchtigen Blick auf die Anzeige des eNavi an seinem
Handgelenk. Dort blinkte eine fette 50.
»Klaus, pass auf! Der kommt direkt ...« Gabi erstarrte vor Schreck.
Nur einen kurzen Augenblick hatte Klaus die blinkende 50 angestarrt. Einen kleinen
Moment zuviel. So hatte er den Lastzug nicht bemerkt. Dieser kam von der
Gegenfahrbahn direkt auf sie zu. Die kleine Leitplanke in der Baustelle war für ihn kein
Hindernis. Sie knickte unter dem schweren Gefährt einfach weg.
»Sie haben ihr Ziel erreicht«, war das Letzte, was Klaus und Gabi vor dem Krachen und
Splittern von Blech und Glas bei dem Aufprall hörten. Dann legte sich endlose Dunkelheit
um sie.
© 2010 - Bernd Holzhauer